Redewendungen und Zitate näher betrachtet #8 Was Hänschen nicht lernt…

Schiefertafel
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Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Eigentlich ist diese Redewendung selbsterklärend und der Artikel könnte hier enden.

Einiges konnte ich über die Redewendung dann doch noch herausfinden die diese Redewendung spannend machen. Und je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr offenbarte sich.

Obwohl im deutschen Sprachschatz als Redewendung und Volksweisheit verankert, gibt es einen Urheber, zumindest einen der die Redewendung salonfähig gemacht hat – Luther.

Ist das nun eine Zitatewendung, ein Redezitat oder Volkszitat? Nein, es ist weiterhin eine Volksweisheit und Redewendung, wir müssen es uns nicht schwerer als notwendig machen. Zumal Luther etwas anderes sagen wollte.

Wie so oft, die Wurzeln reichen in die Antike zurück

In der Antike hieß es: „Nam quod in inventute non discitur, in matura aetate nescitur“ was soviel wie „Was man in der Jugend nicht lernt, weiß man im Alter nicht“ heißt.

Eine ziemlich trockene Angelegenheit – nicht wahr? Es fehlt ein sogenanntes Bild, etwas was die Redewendung in Bilder in die Köpfe eindringen lässt und das hat Luther geschafft.

Aber wie so oft, es kommt anders als man denkt. Luther wollte etwas ganz anderes ausdrücken, doch da war es schon in der Welt – selbst er konnte es nicht mehr aufhalten.

Was Luther meinte

Im Jahre 1546 lässt sich Luther in einer Tischrede über die Studenten aus und gab dem bis dahin tristen Merkspruch ein prägnantes Bild.

Luther bemängelt die Faulheit der Studenten, und zwar derer die ein mehrjähriges Stipendium ergattern konnten und nun meinten sich erst einmal Zeit lassen zu können.

Wörtlich sagte er:  „Was Hänsel nicht lernt, das lernet Hans auch nicht“ . Im Grunde improvisierte er über den Satz „die Gelegenheit beim Schopfe packen“. Er wollte die Studenten ermuntern soviel wie möglich zu lernen.

Luther meinte: Was ihr jetzt nicht lernt, dafür habt ihr später keine Zeit mehr. Also nutzt jede Minute. Oder anders: Was der junge Hans jetzt an Zeit verschwendet und nicht lernt, der hat als Hans keine Gelegenheit mehr dazu.

Wie man merkt meinte Luther nicht kleine lernende Kinder die sich in ihrer Kindheit leichter tun um etwas zu lernen, wie wir es mit der Volksweisheit verbinden, er sprach von der verschwendeten Zeit.

Was man jetzt lernt weiß man und hat dann Zeit noch mehr zu lernen. Daher ist Luther zwar Urheber der prägsamen Redewendung, aber im Volksbewusstsein setzte sich ein anderer Sinngehalt durch.

Ein Vorurteil muss ausgeräumt werden

Die Redewendung „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ wird bei zwei Gelegenheiten heran gezogen, ein Drittens kann man hinzufügen. Es gibt mindestens ein Vorurteil das ausgeräumt werden muß.

Erstens) Wenn es um das lernen als Kind geht. Man meint damit dass man Lesen, schreiben, rechnen  – besser in der Kindheit lernt und als Erwachsener viel schlechtere Karten hat.

Davon müssen wir uns verabschieden, das ist ein Vorurteil. Es gibt sogar Fächer in denen Erwachsene schneller lernen weil Vorwissen und Erfahrung vorliegen. Das gilt insbesondere in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Hier lernen Erwachsene oder Heranwachsende viel besser.

Liebe Kinder, das heißt jetzt nicht dass Schulunterricht überflüssig ist, man könne später doch alles viel leichter lernen. Nein, so ist das nicht – um Vorwissen und Erfahrung zu sammeln braucht es Wissen. Und wie Luther schon meinte, verschwende keine Zeit.

Beim Lernen stehen Erwachsene sich selbst gerne im Weg und versuchen Dinge zu hinterfragen oder eine Logik zu finden wo es nicht nötig ist. Daher wird sich manch Erwachsener schwer tun etwas zu lernen. Immerhin weiß man es besser.

Zweitens) Gerne wird die Redewendung angebracht wenn sich jemand daneben benimmt, wenn jemand sich nicht zu benehmen weiß. Man spricht vom schlechten Elternhaus. Hier scheint Hänschen nicht die nötigen Umgangsformen erlernt zu haben.

Wenn Hänschen nicht gelernt hat ordentlich zu essen wird er es später schwer haben sich Tischmanieren anzugewöhnen.

Und genau hier liegt der Kern von „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Wir tun uns schwer Gewohnheiten abzulegen. Da ist Hänschen tatsächlich im Vorteil, bei guter Erziehung gewöhnt er sich schlechte Dinge erst gar nicht an.

Das setzt voraus dass er es auch von seinen Eltern und Umfeld gesagt und vorgelebt bekommt. Hier beginnt der Teufelskreis, was die Eltern nicht wissen oder können, können sie auch nicht vorleben und weitergeben. Der Volksmund hat dazu eine treffende Aussage:  „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ .

Oder aber man kommt aus einem anderen Kulturkreis. Sich die Hände zu schütteln, wenn man sich als Asiate zur Begrüßung ein Leben lang verbeugt hat, wird eine große Herausforderung sein.

Erwachsene sind Kindern immer dann unterlegen, wenn sich Erwachsene ein bestimmtes Verhalten angelernt haben und umlernen müssen. Manch einer lernt es nie sich schlechter Gewohnheiten loszusprechen.

In diesem Punkt 2 stehen der Erwachsene im Mittelpunkt. Man könnte die Redewendung auch umformulieren „Was Hans lernen muß hat er als Kind versäumt“. Euch fällt bestimmt besseres ein.

Drittens) Dazu fühle ich mich nicht in der Lage eine Aussage zu treffen. Hier geht es zum Beispiel um Gewalt im Elternhaus, was Hänschen mitbekommt und was aus ihm wird. Manch einer wird ein Leben lang nie lernen eigenständig zu sein, der nächste wird ein Leben lang selbst Gewalt verbreiten.

Was hier die Faktoren sind warum es mal so, mal so kommt obwohl Hänschen das gleiche durchlebt, kann ich nicht sagen. Hier sind sich selbst führende Fachkräfte nicht einig.

Was ging es nach Luther weiter?

In der Folgezeit erfuhr Luthers Ausspruch eine Glanzzeit. Von frühen Pädagogen und Didaktikern wie Michael Neander oder Friedrich Petri bis hin zu Sprichwortsammlern erlebte Luthers Wehklagen über die verschwendete Zeit eine Blütezeit.

Immer mehr wurde aus dem Hänsel das Hänschen und immer mehr setzte sich im Bewusstsein durch dass man als Kind lernen soll, weil man es als Hans nur schwerlich kann. Kein Wort mehr davon dass es darum geht möglichst gut mit der Zeit umzugehen, keine Zeit zu verschwenden.

Dem Hänschen wurde ein Drohszenario vor die Augen gehalten und in der Folge waren alle Mittel Recht (pädagogisch sinnvoll waren die meisten wohl nicht) um Hänschen möglichst viel beizubringen.

1869 tauchte es im Buch „Das Sprichwort in der Volksschule“ (Hans Herzog) auf, 1889 war das Hänschen im Buch „Erziehung nach dem Sprichwort“ (Anton David) zu finden. Luthers Ausspruch hat hiermit seine endgültige Umdeutung erfahren.

Im 20. Jahrhundert setzt bei den Pädagogen ein Umdenken ein was Manfred Brauneiser in seinem Buch: „Was Hänschen nicht lernt – Pädagogische Banalitäten auf dem Prüfstand“ darlegt. Nur interessiert es scheinbar kaum jemanden. Im Augenblick gibt es das Buch bei Amazon für 1 Cent (Achtung, es folgt eine Randbemerkung eines Bloggers: Es rentiert sich für mich nicht einen Verkaufslink zu integrieren, denn man bekommt nur 5% Provision. Um dann einen Euro zu verdienen, müßten 2000 Leute das Buch bestellen. Es gibt dort aber nur 6 Exemplare)

Die Redewendung von Luther wurde in der Folgezeit viel belächelt und gipfelte 1983 in dem Ausspruch von René Hildebrand „Was Hänschen nicht behält, kann Hans später nachschlagen.“ Heute könnte man Hildebrands Aussage weiter führen und sagen: „Was Hänschen nicht behält, kann Hans googeln.“ Das ist natürlich Blödsinn, denn Nachschlagen ist nicht Wissen und ohne Wissen wissen die meisten gar nicht was sie nachschlagen müssen.

Man sieht, Luthers ursprünglicher Sinn die Zeit doch zu nutzen wurde total entfremdet und endete im Spott.

Mein Fazit – eine Zusammenfassung

Als Luther den Ausspruch tat meinte er etwas anders als was in der Folgezeit entstanden ist. Er sprach von verschwendeter Zeit. Der Volksmund deutete es in einen pädagogischen Glaubenssatz um an dem Generationen von Kindern zu leiden hatten. Heute rückt man von dem pädagogischen Glaubenssatz ab, doch die Volksweisheit hat es nicht mehr geschafft sich mit dem ursprünglichen Inhalt von Luther zu füllen.

So eine Volksweisheit würde heut zu Tage nicht mehr entstehen, denn es würde sofort die Gleichberechtigungsbeauftragte auf den Plan rufen. Was ist denn mit Gretchen und Gretel? Da waren die in der Antike schon schlauer, die haben ihr Sprichwort geschlechtsneutral gehalten.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ hat durchaus noch seinen Sinn. In meinen Augen vor allem auf den Bezug von Gewohnheiten und Umgangston.

Interessant dazu die tschechische Verion: Ohýbej mě mamko, dokud jsem já Janko. Až já budu Jano, neohneš mě mámo. (ok, ich gebe es zu, das war jetzt copy und paste). Wörtlich übersetzt heißt das:  „Biege mich, Mutter, solange ich Hänschen bin. Wenn ich mal Hans bin, wirst du mich nicht mehr biegen können.“ 

So, das war es wieder mal vom „Hans“, der sicher noch das eine oder andere Kapitel hinzufügen könnte. Doch wie heißt es so schön? „In der Kürze liegt die Würze“. Obwohl, dieses Thema ist mit meinen Ausführungen auch verfehlt – ich lerne es nie.

Roland Engert

Danke fürs lesen. ||
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In Bayern geboren, in Ostfriesland lebend.

5 thoughts to “Redewendungen und Zitate näher betrachtet #8 Was Hänschen nicht lernt…”

  1. Das Sprichwort habe ich eh noch nicht ernst genommen. Es sprich ja den älteren Menschen ab, dass sie noch etwas lernen können, bzw. wollen. In meinen Augen ist es ziemlich unsinnig. So ungefähr wie lange Rede kurzer Sinn, welches eigentlich heissen müsste kurze Rede langer Sinn.

  2. Wow das ist mal eine sehr ausführliche Beschreibung einer Redewendung die „eigentlich“ selbsterklärend ist. Ich dachte zumindest das sie komplett selbsterklärend ist.

    Aber dafür gibt es direkt mal ein FB und ein Twitter Link 😉

    Viele Grüße
    Michael

  3. Vielen Dank für das Lob, viel schöner kann ein Nachmittag sein 🙂
    Ich bin auch immer wieder überrascht was sich alles so ergibt wenn ich über Zitate recherchiere.

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