Ab in den Urlaub

Europakarte

Worte die angenehm in den Ohren hallen und an warme und erholsame Sommertage erinnern.

Mit Freundin, eigenem Auto und den halben Kofferraum voller Stahlrohrzelt führte mein erster Urlaub über Umwege nach Italien.

Italien direkt anzufahren wäre etwas langweilig gewesen. 3 Stunden nach Südtirol und dann nochmal 4 Stunden nach Venedig – langweilig. Es geht auch anders. Amüsiert euch über eine kleine Geschichte aus meinem Leben und wie man mit Umwegen zum Ziel kommt.

Die Reiseplanung

So etwas wie Reiseplanung gab es nicht. Außer man bezeichnet einen Zeigefinger, der auf einer Europakarte an die ehemalige jugoslawische Küste deutet, als Planung. Es mag eine Strategie sein um Spannung in den Urlaub zu bringen, aber es nicht wirklich eine Planung.

Ein online Reiseportal war ein Begriff den man nicht kannte, wie auch in Zeiten in denen es kein Internet gab. Es war überhaupt eine ganz andere Zeit. Die Länder hatten eigene Währungen, es gab Grenzkontrollen, Navigationssysteme oder Handys waren noch nicht einmal angedacht.

Für einen gelungenen Urlaub nutzte man den ADAC, sozusagen das Google Maps der Frühzeit. Ich jedenfalls hatte eine etwas ältere Europakarte in der Konfliktsituationen eingebaut waren. Ich habe diese Karte heute noch.

Meine damalige Freundin, ein tolles Mädel wie alle meine Freundinnen, vertraute mir gänzlich. Immerhin trat ich selbstbewußt mit festem Willen auf. Doch Wille und Ergebnis sind zweierlei Paar Stiefel.

Mit guter Laune, der Neuen deutschen Welle und ein paar österreichischen Liedermachern von der Cassette ging es los.

Station Wien

WienDie erste Übernachtung sollte auf einem Campingplatz nahe bei Wien stattfinden. Ein Campingsymbol auf meiner Karte wies den Weg.

„Es war mal einer geplant“ teilte uns achselzuckend der Bademeister an der Kasse mit, während im Hintergrund lautes Badegetümmel zu hören war.

Gegen 3 Schachteln West, die es in Österreich noch nicht gab, ließ er uns nach Ende des Badebetriebs auf das Gelände. Die Auflage war dass wir vor Öffnung am nächsten Tag wieder weg sein müssten.

Diesen Zeitpunkt konnten wir gar nicht verschlafen. Waren es nachts die Mücken die uns den Schlaf raubten, so war es in den Morgenstunden der Platzwart der mit seiner Nebelmaschine ein Insektizid versprühte. Unser nun weißes Zelt blieb für den Rest des Urlaubs von Mücken verschont. Noch lachte meine Freundin. Ich auch, immerhin war Urlaub angesagt.

Jugoslawien

JugoslawienEin Abstecher nach Wien ein gutes Frühstück im Auto und die Laune hob sich. Jugoslawien wir kommen – wenn auch leicht übermüdet. Dass ich den Gummihammer für die Zeltheringe im Freibad vergessen habe wurde mir erst später bewusst.

Die Fahrt Richtung Jugoslawien und in Jugoslawien war landschaftlich reizvoll. Ich liebe es wenn nicht alles perfekt ist, wenn Telefonmasten aus krummen Stämmen den Weg säumen, die Straßen nicht unbedingt zu Rennbahnen ausgebaut sind oder jeder Felshang mit Stahlnetzen und Beton gesichert ist.

Klar fragt man sich warum das eine oder andere ausgebrannte Autowrack am Straßenrand liegt. Vermutungen darüber machen eine Urlaubsfahrt aber erst richtig spannend.

Die sozialistische Marktordnung Jugoslawiens machte sich bemerkbar. Uns ging der Reiseproviant aus und weit und breit war keine Tankstelle oder Kiosk in Sicht.

Auch zeigten sich die ersten größeren Schwächen der Europakarte. Wir befanden uns auf Straßen die nicht eingezeichnet waren, bzw. führten diese Straßen durch Orte die auf der Karte nicht zu finden waren. Was es letztendlich war wird nur der Kartograph beantworten können.

Kurzerhand entschlossen wir nach Zagreb zu fahren, denn dorthin führen alle Wege und Schilder. Das Ziel können wir nicht verfehlen.

Unvermittelt tauchte eine größere Ortschaft auf, wieder mal ein Städtchen das nicht in der Karte verzeichnet war. Man könnte fast Konsumoase sagen, denn Essen und Trinken konnte aufgefüllt werden, sogar frischen Kaffee konnten wir uns besorgen.

Im üblichen Gestikausländisch über unser eigentliches Reiseziel kam ein breites Grinsen. Kinder hörten auf Fußball zu spielen und Frauen die mit der Wäsche beschäftigt waren kamen neugierig angelaufen. Eines war klar, wir waren auf dem völlig falschen Weg. Eine Skizze die von mehreren angefertigt wurde und durch viele Hände ging wurde uns überreicht. Was soll uns da noch passieren. Eine Karte von Einheimischen und Wegekundigen gezeichnet wird uns leiten.

Wir bedankten uns recht herzlich und setzten uns in Bewegung. Wilde Gesten verrieten uns dass wir bereits auf den ersten Metern falsch fahren. Die Skizze richtig herum gedreht, Auto gewendet und schon passte es. Jetzt nur nicht den Zettel aus der Hand legen oder verlieren.

Das Vertrauen in die Skizze schwand nach einiger Zeit, denn sie wurde immer weniger deckungsgleich mit der tatsächlichen Situation. Doch in höchster Verzweiflung erschien ein Wegweiser „Italia 200km“.

Kurz entschlossen rieß ich das Lenkrad herum – adieu Jugoslawien, wir fahren nach Italien.

Die Einflugschneise

EinflugschneiseEs ging nach Westen der inzwischen untergehenden Sonne entgegen. Wir wollten soweit wie möglich kommen und als wir bei Dunkelheit die italienische Grenze passierten fühlten wir uns sicherer. Warum auch immer, wir konnten weder Sprache noch kannten wir uns aus. Aber meine Karte war nun genauer. Ich konnte ab jetzt genau nachvollziehen wie ich mich verfahren würde. Ein gewisses Gefühl der Sicherheit.

Doch für die Karte ist jetzt keine Zeit, immer Richtung Westen, wir wollten nach Jesolo, einem bekannten Ziel in der Nähe Venedigs. Das würden wir heute nicht mehr erreichen, könnten dem aber noch nahe kommen.

„Es riecht nach Meer, es ist nicht mehr weit“ meinte ich um meiner Freundin einen Strohhalm der Hoffnung zu reichen. „Seit Stunden riechen wir das Meer, das ist eine Küstenstraße“. Der Strohhalm wurde geknickt zurück gereicht.  40 Stunden ohne Schlaf nagten an der Konzentration und an der inneren Zuwendung zueinander. Wobei meine Freundin derartige Situationen immer wesentlich deutlicher zum Ausdruck bringen konnte als ich.

Ich suchte uns ein Maisfeld um in Ruhe schlafen zu können. Stellte mich so mit dem Auto hin dass nicht gleich die erste Morgensonne uns weckte. Ein paar Stunden Schlaf würden und beiden gut tun, vor allem meiner Freundin.

Die aufgehende Sonne erlebten wir nicht. Nach 2 Stunden Schlaf wurden wir durch überlaute Geräusche geweckt. Sie kamen nicht durch einen Bauern der aufs Feld wollte, nein es waren startende und landende Flugzeuge. Das Maisfeld stand direkt am Flughafenrand. Ich mußte wohl ein Durchfahrtsverbotsschild übersehen haben. Vermutlich habe ich es sogar gesehen und nur nicht verstanden.

Weil I di mog (Weil ich dich mag)

Ich wußte, ab sofort habe ich eine Doppelbelastung zu tragen, meine Müdigkeit und die schlechte Laune meiner Freundin. Meine eingelegte Musikcassette mit „Weil i di mog“ von Ambross wurde demonstrativ ausgemacht. Dass die Cassette nicht aus dem Autofenster flog hat diese vermutlich nur einem Glücksfall zu verdanken oder dem Umstand dass meine Freundin einfach zu müde war für so eine Aktion. Ich fasste es als zweite Chance auf, denn immerhin könnte ich es vielleicht mit dem Herzschmachtsong nochmal versuchen, später – viel später.

Angekommen

JesoloAngekommen heißt noch lange nicht Ziel erreicht.

Wir klapperten am Zielort jeden Campingplatz ab. Es war Hochsaison und kaum ein Plätzchen war zu finden. Hieße meine Freundin Maria und ich Josef, man könnte an die Wiederholung der biblischen Geschichte glauben.

Doch es war sowas wie Glückstag,  ein Tag der eine Chance bot. In dem Fall heißt die Chance „Warteliste“. Ein Campingplatz hatte Wartelisten.  Wenn um 11 Uhr einige abreisen könnten die auf der Warteliste nachrücken und möglicherweise einfahren.  Ob man tatsächlich einen Platz bekommt kann man nicht sagen. Wir waren nicht die ersten in der Warteschlange. Aber es ist eine Chance.

Es heißt Papiere abgeben und im Auto warten. Da standen wir nun, keine Ausweise mehr und das in einem Land dessen Sprache ich nur von Speisekarten kannte. Genau gesagt, ich hatte keinen Ausweis, meine Freundin sehr wohl. Sie entwarf Szenarien die sehr unschön sind. Wer mag als Ausländer schon ohne Papiere festgenommen werden wenn eine Frau „Vergewaltigung“ schreit.

Ein großer Lautsprecher rief in italienisch unser Autokennzeichen und Namen auf. Wir haben das Glückslos gezogen und konnten in den Campingplatz einfahren. Das lächeln des Siegers war mir deutlich anzusehen.

Der Gummihammer

Das Mißgeschick in Wien erwies sich nun als das Tüpfelchen auf dem i. Meine Freundin hatte Insektizide und eine Irrfahrt durch Jugoslawien hinter sich. Sie hatte Hunger, Durst und eine kurze Nacht in einer Einflugschneise verbracht. Gut, das hatte ich auch alles hinter mir, aber das ist etwas anderes – ich bin ein Mann und der darf nicht jammern. Außerdem sei ich Schuld, immer.

Zum Glück waren neben uns nette Holländer die nicht jedes Wort verstanden, wohl aber mitbekamen dass uns der Gummihammer fehlte. So lies sich das Zelt doch noch aufstellen.

Irgendwie stolz stand ich vor dem Zelt bis mich das scharfe Geräusch des Reißverschlusses der von innen geschlossen wird einholte und mich aus meinen kleinen Träumen riß. Das Zeichen war an Eindeutigkeit kaum zu überbieten. Ein klarer lauter Hinweis aus dem Zelt, dass das Innenzelt noch fehlt und das aufpumpen der Luftmatratze war das letzte in den nächsten Stunden was ich von ihr zu hören bekam.

Es blieb mir wieder mal das Auto, egal, es ist Urlaub. Außerdem hatte die Luftmatratze ein Loch. Das wollte ich noch reparieren, doch dafür war es jetzt zu spät.

Die Heimfahrt ist Streckentechnisch einfach. Man fährt zunächst Richtung Brenner, dann eine Stunde durch Österreich und ist Zuhause. Etwas anders sieht es aus wenn man sich Mautgebühren sparen will und lediglich eine Europakarte zur Hand hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls sprach die wortlos zugeknallte Autotüre nachdem ich meine Freundin bei ihren Eltern abgesetzt hatte, eine klare Sprache.

Eine zeitlang hielt ich die Cassette mit „Weil i di mog“ in Händen. Naja, eigentlich bin ich zu müde um das Fenster aufzumachen.

Roland Engert

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