Redewendungen und Zitate genauer betrachtet #7 – Etwas läuten hören

Glockenstuhl
Im Glockenstuhl vom Kloster Andechs

Ich habe läuten hören dass auf diesem Blog am Freitag Zitatetag ist. Dieses Gerücht ist richtig, heute ist wieder Zitatetag.

Der Werdegang von Ich habe etwas läuten hören ist nahezu beispiellos. Das ist die Geschichte von einem wichtigen Kommunikationsmittel der Stadt- und Landbevölkerung bis hin zu Kommunikationstrategien in den Waschkellern und Treppenhäusern der Ratschweiber.

Lasst uns ein bisschen auf den Spuren der Glocke wandeln die uns vom späten Mittelalter über die französische Revolution bis hin zur Verleumdung führen.

Die Glocke – das Radio des Mittelalters

Die Glocke war schon immer ein Signalgeber, etwas das Aufmerksamkeit einfordert. So war die Glocke zu verstehen und so muß man sie verstehen. Glockenschläge sind Signalschläge.

Glocken läuteten den Frieden ein, riefen zur Kirchenmesse, zur Arbeit oder warnten vor Unwettern und Gefahren.

Glockengeläute war das Radio des Mittelalters und sehr schnell. Das ist ähnlich den Buschtrommeln – Nachrichten wurden schnell über große Entfernungen verbreitet.

Mittelalter

Etwas läuten hören geht auf das späte Mittelalter zurück. Dort soll diese Redewendung ihren Ursprung haben.

Diese Redewendung kam im 16ten Jahrhundert auf, zu einer Zeit als Kommunikation fast ausschließlich von Mund zu Ohr statt fand. Der Buchdruck war gerade erfunden und setzte zum Siegeszug an doch die Bevölkerung konnte weitgehend noch nicht lesen. Bilder, vor allem die der Kirche, waren eine der wenigen Möglichkeiten etwas zu erfahren

Auch war das Mittelalter weit von einer gemeinsamen Zeitzone entfernt. In Deutschland gab es bis 1890 über 5 Zeitzonen und kaum Uhren. Kirchenglocken übernahmen die Rolle der Zeitansage was auch in an betracht der vielen Zeitzonen wichtig war. So konnte es passieren dass man um 14 Uhr sich über eine Brücke begab und am anderen Ufer kam man um 12 Uhr an.

Die Kirchturmuhr stets im Blick und das Ohr gespitzt auf die nächste Zeitansage, das war das Handwerkszeug des Postillions, der Wandersmänner und Kaufleute.

 Etwas läuten hören  ist eine verkürzte Form. Ursprünglich lautete es in etwa  „Ich habe es läuten hören, weiß aber nicht, wo die Glocken hängen.“ 

Denn es war wichtig zu wissen welche Glocke geschlagen hat sonst kann man nämlich nur vermuten und weiß nichts genaues.

Mehr als nur Zeitansage

Die Zeitansage per Glockenschlag war wichtig doch es gab noch viel mehr Inhalte die mit der Kirchenglocke transportiert wurden. Mehrere hundert verschiedene Botschaften konnten mit der Glocke übertragen werden.

Geburt und Tod wurden kund getan. Man konnte am Glockenschlag unterscheiden ob ein Junge oder ein Mädchen geboren wurde, die Jungen erhielten mehr Glockenschläge. Beim Tod eines Menschen konnte man unterscheiden ob Jung oder alt und sogar ob getauft oder ungetauft.

Gefahr, Feuer und Krieg wurden mit schnellen kurzen Schlägen, dem sogenannten aufwiegeln, kundgetan. Noch heute spricht man vom Aufwiegler wenn jemand versucht Unruhe zu stiften.

Möglich wurden diese komplexen Signale durch ein mehrfaches Geläut aus mindestens 3 Glocken und verschiedenen Techniken des läutens.

Die französische Revolution und die fast danach Revolution

Während der französischen Revolution (1789 – 1899) keimte Widerstand der die Revolution durchaus hätte gefährden können.

Frankreich sollte radikal säkularisiert werden. So wurden die Kirchenglocken abgenommen und zu Kanonen geschmolzen. Statt dessen sollten Trommeln die Aufgaben der Kirchenglocken übernehmen.

Nicht dass daraus Kanonen gemacht wurden erregte den Widerstand der Landbevölkerung gegen die Revolution. Es war das Glockengeläut das die Leute vermissten. Auf diese Klänge wollten sie auf keinen Fall verzichten und fingen an eine Gegenbewegung zu bilden. So wurde dem Vorhaben Glocken zu Kanonen 1802 ein Ende gesetzt um die Revolution nicht zu gefährden.

An die große Glocke hängen

Wenn jemand etwas an die große Glocke hängt dann möchte er dass es über den Rahmen einer Dorfgemeinschaft hinaus bekannt wird.

Die große Glocke wurde aus mehreren Gründen geläutet. Zu einem wurde zu Gerichtsversammlungen geläutet. Wenn jemand meinte wegen einer Streitigkeit ein Gericht anrufen zu müssen so gab er damit auch den Auftrag die große Glocke zu läuten.

Der Glocke hing nun der Auftrag an diese Streitigkeit und die Gerichtsverammlung kund zu tun.

Der andere Grund waren Bekanntmachungen die über den Rahmen einer Dorfgemeinschaft hinaus gingen. Früher gab es Gemeindediener die per Handglocke Neuigkeiten und Entscheidungen ausriefen. Mit einer Handglocke ausgestattet zogen sie durch das Gemeindegebiet und verkündeten die neuesten Nachrichten (Ich selbst habe als Kind noch diese Ausrufer miterlebt).

Gab es Neuigkeiten die über die Dorfgrenzen hinaus wichtig waren, wie zum Beispiel drohendes Unwetter oder Gefahr, so war die große Glocke gefragt.

etwas läuten hören – in unserer Zeit

Wenn heute jemand etwas läuten hört, und es ist Geläut im Kopf dann ist er reif für einen Beratungstermin beim Arzt.

Gemeint ist aber in aller Regel „Ich habe etwas über einen Bekannten gehört der gehört hat dass….“ Es geht um unbestätigte Gerüchte.

Nichts macht schneller die Runde als Gerüchte. Sie kriechen aus den Waschküchen und den Hinterhöfen hinaus in die Welt und richten dort ihren Schaden an. Es geht um Ratschereien die an Verleumdung grenzen.

Manchmal sollen die einleitenden Worte „Ich habe da etwas läuten hören“ auch eine informelle Botschaft sein. Ein Hinweis dass in gewissen Kreisen über eine Sache gesprochen wird.

Zum Beispiel: „Ich habe läuten hören dass die neue Umgehungsstraße noch dieses Jahr geplant werden soll.“ Wer jetzt etwas auf dieses Geläut setzt kann schnell noch Grundstücke günstig erwerben um sie dann teuer zu verkaufen. Natürlich kann diese Information auch gezielt gesetzt worden sein um jemanden dazu zu bewegen Brachland zu kaufen.

Wenn also irgendwo jemand meint er hätte etwas läuten hören kommt das meist aus dem Sumpf der Manipulation und man sollte sich mehrfach versichern bevor man diesem Glauben schenkt.

Ich habe läuten hören, jetzt kommt das Schlußwort

Das ist ausnahmsweise kein Gerücht, das ist die Wahrheit.

Es gab eine Zeit da hatten die Kirchenglocken den Status von Twitter und Co. Sie verbreiteten Nachrichten in hoher Geschwindigkeit. Allerdings waren es im Gegensatz zu den heutigen Medien wichtige Nachrichten und keine Nachrichten darüber ob eine Katze Blähungen hat oder der Stuhlgang hart war.

Doch man mußte wissen welche Kirchenglocke es war um die Nachricht auch richtig zuordnen zu können. Deshalb hieß es in der Ursprungsversion auch „ Ich habe es läuten hören, weiß aber nicht, wo die Glocken hängen. “ Ein ehrlicher Zusatz der aussagt, es kann auch anders sein.

Heute haben die Funktion der Gefahrenmeldung von Feuer, Krieg und Katastrophen die Sirenen übernommen. Die Kirchenglocken sind auf kirchliche Ereignisse beschränkt. Und selbst da haben sie es schwer und landen hin und wieder vor Gericht.

Ich selbst habe gerne auf die Kirchenglocken als Zeitansage gehört. Leider sind sie hier in dieser Gegend nicht zu hören.

Hört ihr es auch läuten? – das Wochenende naht. Danke fürs lesen und genießt das Wochenende.

Roland Engert

Danke fürs lesen. || Wenns gefallen hat würde ich mich über einen Klick bei Twitter, Facebook oder Google+ freuen. Der Lohn eines armen Bloggers sind Likes, G+ oder Netzgezwitscher. || In Bayern geboren, in Ostfriesland lebend.

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